Gott findet die Nadel im Heuhaufen...
22. Oktober 2007
Diesen Sommer war ich mit Freunden mehrmals klettern. Dafür ist das Donautal bestens
geeignet. Einmal hatte ich auch meine Fotokamera dabei, um die erlebnisreichen Stunden
festzuhalten. Beinahe hätte mich diese Aktion um mein schönes Teleobjektiv gebracht,
wenn nicht…
Ich fang von vorne an: ziemlich abgekämpft von ein paar schönen Kletterrouten habe
ich meinen Apfel ausgepackt, um mich für eine kleine Pause auf einen Stein zu setzen.
Vor uns befanden sich die wunderschönen circa 70m hohen Felsen und hinter unserem
Standplatz ging es bewaldet ein bis zwei Kilometer den Berg ab ins Tal. In der Zwischenzeit
beobachtete ich meine Freunde Benjamin und Stefan, die sich an einer kniffligen
Kletterroute versuchten. Das sah sehr spannend aus, also entschloss ich mich die
Kamera aus dem Rucksack zu packen. Um ein paar Großaufnahmen machen zu können, rüstete
ich mich ebenfalls mit dem Teleobjektiv aus, das von einer stabilen, gepolsterten
Objektivhülle umgeben war. Das legte ich neben mich auf meinen Stein.
Plötzlich fiel mir das Objektiv vom Stein – ich muss ungeschickt dran gekommen sein
– kugelt über den schmalen Trampelpfad und eh ich mich danach ausstrecken konnte,
purzelte es schon die Böschung hinab. Noch habe ich mir keine großen Sorgen gemacht.
Erstens war das Objektiv durch seine Hülle gut geschützt und zweitens lagen zehn
Meter unterhalb ein paar große Felsbrocken, die das Objektiv sicher zum Stand bringen
würden. Diese Selbstsicherheit hat mich aber schon nach zwei Sekunden wieder verlassen, als ich beobachten musste, wie sich mein
bewährtes Objektiv derart beschleunigte, dass es unten kurz aufsprang und in einem
hohen Bogen über die vermeintlichen Bremsblöcke hinweg flog! Dann sah ich es noch
zwei, drei mal aufspringen und schon war es aus den Augen.
Im Donautal in der Schwäbischen Alb gibt es tolle Kletterfelsen.
Meine Pause war jetzt erst mal vorbei, als ich meiner Ausrüstung hinterher hechtete.
„Wenn ich es nur schnell schaffen würde, zu den zwei Felsblöcken zu kommen, dann
könnte ich vielleicht beobachten, in welche Richtung es sich bewegt“, dachte ich.
Dort angekommen, war aber weit und breit nichts mehr davon zu sehen. Benjamins Vater
hat sich kurzerhand dazu entschlossen, mir auf der Suche zu helfen. Vier Augen sehen
mehr als zwei. Also lief ich weiter den Berg hinab und in Gedanken bat ich Gott,
dass er mir doch bitte helfen sollte das Objektiv wieder zu finden. Halb rutschend
auf einem Haufen Geröll kam ich einem Großen Felsen näher. Aber nirgends war ein
liegen gebliebenes Objektiv zu sehen. An diesem Felsen muss es vorbei gekommen sein.
Nur auf welcher Seite? Links vorbei, oder rechts vorbei? Rein intuitiv passierte
ich den Felsen rechts, vorbei an einer Unmenge an sofakissengrossen Steinen. Theoretisch
hätte es ja zwischen jeden dieser Steine rutschen können, aber hätte ich all das
durchsuchen wollen, dann wäre ich heute noch nicht fertig. Aber andererseits, wenn
es doch dazwischen hängt? Dann habe ich bemerkt, dass Benjamins Vater sich noch
einiges weiter bergaufwärts aufhielt. Er durchsuchte das Gelände wesentlich sorgfältiger
als ich. Mit dem Bewusstsein, dass es eigentlich unmöglich ist, das hier wieder
zu finden, fuhr ich fort mit der Suche – schon allein der Gedanke, an den Preis
des Objektives, auch wenn es schon recht alt war – drängte mich weiter. Aber zuerst
blieb ich kurz stehen, faltete meine Hände und bat Gott noch einmal eindringlich
darum, mir auf der Suche zu helfen. Schließlich weiß Gott ja alles. Also muss er
doch auch wissen, wo mein Objektiv liegt. Er könnte mich doch einfach dort hin führen!
Aber es gibt auf dieser Welt ja weitaus wichtigere Dinge, als mein Objektiv.
So stieg ich weiter den Wald hinab, ziemlich lange. Bis zum unteren Waldrand im
Tal war es nicht mehr sehr weit. Jedenfalls waren meine Freunde, oben an den Felsen,
außer Hörweite. Hier wurde auch der Pflanzenwuchs immer stärker. Viele Büsche, Farne
und Gräser bedeckten den Waldboden. „Wer hier nach einem 15 Zentimeter langen Objektiv
sucht, muss verrückt sein“, dachte ich mir. „Hier weiter zu suchen ist sinnlos.“
Schließlich könnte es sich ja unter jeder Pflanze verstecken, wenn es nicht schon
vorher irgendwo zwischen die Steine gerutscht ist. Und außerdem hätte ich genauso
gut fünfzig Meter weiter rechts oder weiter links suchen können.
Und wenn es hier gewesen wäre, dann hätte ich einen Beutel mit Altglas, bei den
Sprüngen, die ich anfangs beobachtet habe. Also entschloss ich mich aufzugeben und
beim Rückweg die Augen offen zu halten. Aber bevor ich umkehrte, faltete ich noch
einmal meine Hände und sagte Gott etwa Folgendes: „Lieber Vater, es ist sinnlos
hier weiter zu suchen. Vielleicht sollte ich das Objektiv ja verlieren, aber wenn
du möchtest, dass ich es finde, so lass es mich bitte finden. Hier werde ich jetzt
nicht mehr weiter gehen, ich werde nur noch meine Augen öffnen, einmal mit meinem
Blick herum schweifen und mich dann auf den Rückweg zu meinen Freunden machen. Amen.“
Dann öffnete ich meine Augen, ließ meinen Blick noch einmal über den Waldboden gleiten
und… Was sah ich? Zehn Meter neben mir lehnte mein Objektiv an einem Stein!
Gott will für uns Menschen sorgen...
Das war unfassbar! Allerdings, was werde ich im Objektivbeutel finden? „Einen Haufen
Scherben“, habe ich befürchtet. Vorsichtig öffnete ich den Reißverschluss, zog mein
Objektiv – an einem Stück – heraus und untersuchte es genauestens. Kein Kratzer,
keine Scherben, nicht einmal das Schutzglas vor der Linse war beschädigt, nur ein
kleiner Riss im Ausfahrrohr. Und es funktioniert noch! Mir fiel ein Stein vom Herzen.
Im selben Augenblick habe ich meinem himmlischen Vater gedankt, dass er sich sogar
um mein Objektiv kümmert.
Heiko Posenauer, von Beruf Physiotherapeut, lebt mit seiner Frau und seiner 6 Monate alten Tochter in Zimmern bei Hechingen.